Ist Künstliche Intelligenz im Recruiting wünschenswert?

Künstliche Intelligenz hält mit herzlosen Algorithmen und gewaltigen Datenbergen Einzug in den Bereich, in dessen Mittelpunkt doch eigentlich der Mensch stehen sollte – in die Personalarbeit. Künstliche Intelligenz (KI) formt die Zukunft des Recruitings entscheidend mit. Doch ist das wirklich erstrebenswert? Was haben diese beiden Welten miteinander zu tun? Steht die kontinuierliche Digitalisierung von HR-Prozessen nicht im völligen Kontrast zum eigentlichen Kerngedanken der Personalarbeit?

Was ist Künstliche Intelligenz überhaupt?

Die Digitale Revolution macht auch vor hiesigen Personalabteilungen nicht Halt. Sie bahnt sich ihren Weg in sämtliche Bereiche des alltäglichen Lebens und hat diverse Technologien im Gepäck, welche Computer dazu befähigen, Probleme und Aufgaben automatisch zu lösen, für die ein Mensch seine Intelligenz nutzen müsste.
Mit Künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattete Systeme analysieren

Künstliche Intelligenz im Recruiting
Was ist Künstliche Intelligenz und was hat sie mit Recruiting zu tun?

Mechanismen dieser menschlichen Verstandesleistungen und simulieren ihre Prozessmuster mit Hilfe von selbstlernenden Computersystemen.
Inzwischen sind Datenspeicher, Prozessoren und Algorithmen in der Lage, dem Menschen immer mehr Aufgaben abzunehmen oder Arbeitsabläufe zumindest effizienter zu gestalten. Dabei lernen sie aus bisher gesammelten Daten, verfeinern Prognosen von Mal zu Mal und liefern so stetig genauere Ergebnisse. Diese Resultate können dann als Basis für unternehmerische Entscheidungen dienen.

Doch was hat Künstliche Intelligenz im Recruiting zu suchen?

Recruiting muss im digitalen Zeitalter ankommen

Auch im Recruiting gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Die sogenannten Millennials machen den Großteil der heutigen Bewerber aus. Und diese erwarten zu Recht, Informationen jederzeit kompakt sowie in ansprechender Darstellung abrufen und sich umgehend (und bestenfalls mobil) bewerben zu können. So sind sie es aus allen anderen Alltagsgebieten gewöhnt und so fordern sie es auch bei der Jobsuche.

Im Bereich der Kandidatenansprache hat sich in den letzten Jahrzehnten vermeintlich bereits viel getan. Schließlich finden Bewerbungsprozesse inzwischen beinahe ausschließlich online statt – per E-Mail oder Bewerbermanagementsystem. Doch beim „modernen E-Recruiting“ handelt es sich leider in den meisten Fällen um einen nach wie vor analogen Prozess im digitalen Schafspelz: Bewerbungen werden zwar online versandt, der Auswahlprozess geht aber weiterhin analog vonstatten. Denn die Einsendungen müssen noch immer aufwändig von Menschen gelesen und beurteilt werden.

Wenn es denn überhaupt zur Versendung einer Bewerbung kommt! Aufgrund von Zeitmangel werden Stellenanzeigen all zu oft hektisch und dementsprechend lieblos und oberflächlich verfasst. Wahllos greifen gestresste Recruiter dann auch noch zu eigentlich längst veralteten Distributionskanälen. Heißbegehrte Talente werden so nicht erreicht oder gehen sehr schnell wieder verloren.

Und damit nicht genug: Wertvolle Daten, die sich für ein erfolgreiches Employer Branding nutzen ließen, werden entweder nicht zielgerichtet analysiert und verwertet oder gar nicht erst erhoben. Optimale Nutzung der Digitalisierung zur Erreichung eines Mehrwerts oder gar Fortschritts kann man das nicht nennen. Schade.

Express-Kandidatensuche durch KI

Künstliche Intelligenz ist in der Lage, zeitaufwändige und lästige Prozessabläufe ausfindig zu machen und sie auf Basis erhobener Daten maschinell erledigen zu lassen. Besonders die Vorauswahl geeigneter Kandidaten ist für die Automatisierung prädestiniert. Schließlich ist sie der größte Zeitfresser in der Personalarbeit.

Automatisierte Jobmatching-Technologien sieben in Sekundenschnelle die passendsten Talente aus der Bewerbermasse heraus und machen das zeitaufwändige Sichten der eingereichten Lebensläufe überflüssig. Eine willkommene Unterstützung im stressigen HR-Alltag. Mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete E-Recruiting-Systeme werden so mittelfristig repetitive Aufgaben aus dem Alltag des Personalers verdrängen. Und Hand aufs Herz – wer wird ihnen nachtrauern?

Künstliche Intelligenz kann helfen, die Bewerbersuche zu beschleunigen

Denn: Auf diesem Wege entstehen die notwendigen Freiräume, um sich anspruchsvolleren Themen zu widmen. Der Zeitgewinn lässt sich zum Beispiel nutzen, um empathisch mit geeigneten BewerberInnen in Kontakt zu treten und wertschätzend(er) mit ihnen zu kommunizieren, indem Abläufe und Entscheidungen endlich nachvollziehbar gemacht werden. Nicht umsonst werden die Forderungen nach Transparenz und Feedback immer lauter. Diesem berechtigten Wunsch könnten HRler nun gerecht werden und so die Basis für eine angenehme Candidate Experience legen, welche sich wiederum positiv auf das Gesamt-Image eines Unternehmens (als Arbeitgeber) auswirkt.

Künstliche Intelligenz bringt Neutralität in die Bewerberauswahl

Künstliche Intelligenz beschleunigt den Auswahlprozess nicht nur, sie steigert auch dessen Qualität. Durch die Anonymisierung von Daten gewährleistet sie eine neutrale Einschätzung, wie geeignet ein Bewerber für einen bestimmten Job ist und leistet so einen entscheidenden Beitrag zur Demokratisierung des Recruiting-Marktes.
Personaler hingegen sind – ob bewusst oder unbewusst – in vielerlei Hinsicht beeinflusst: Persönliche Präferenzen, Emotionen, bisherige Erfahrungen, Vorurteile, Zeitdruck und zahlreiche andere Faktoren wirken sich unweigerlich auf seine Bewerberauswahl aus und machen sie anfällig für Fehlentscheidungen. Ein neutrales Jobmatching hingegen bietet eine Entscheidungsgrundlage, die in jedem Fall AGG-konform ist. 

Ist KI eine Bedrohung für den Recruiter?

Wird es bei dieser Unterstützung bleiben oder haben wir es im Recruiting demnächst etwa nur noch mit Robotern zu tun?

Wenn Recruiter rechtzeitig lernen, Künstliche Intelligenz sinnvoll für sich zu nutzen, können sie der Digitalisierung gelassen entgegensehen.

Sicherlich wird der digitale Wandel sich auch auf andere Aspekte abgesehen von der Bewerberauswahl auswirken. Der Aufgabenbereich des Recruiters wird sich durch Künstliche Intelligenz auch auf vielen anderen Ebenen verändern. Soviel steht fest. Jedoch bedeutet dies noch lange nicht die Auslöschung des gesamten Berufszweigs. Der Fokus wird sich lediglich vom Administrativen auf Anspruchsvolleres –  und vor allem Menschlicheres – verlagern. Denn so schlau der Computer auch werden mag, wird er genuin menschliche Kompetenzen wie Intuition und Bauchgefühl niemals entwickeln und erst recht nicht ersetzen.

Die Bedeutsamkeit menschlicher Qualitäten für personalwirtschaftliche Akteure wird somit immer weiter steigen. Zu einem gelungenen Employer Branding gehört mehr als ein rasant ablaufender Bewerbungsprozess. Kreative Personalmarketing-Kampagnen sind ebenso Teil von HR-Arbeit wie persönliche und individuell gestaltete Bewerbungsgespräche. Außerdem braucht es Empathie, Intuition und Menschenkenntnis. Dinge, die selbst die modernste Technologie nicht bieten kann.

Computersysteme unterstützen Recruiter. Sie ersetzen sie nicht.

Auch Künstliche Intelligenz ist kein Alleskönner. Vor allem ist sie nicht vollkommen kritik- und reflektionslos allein um des Fortschritts Willen einzusetzen. Es liegt an uns, technische Errungenschaften geschickt und verantwortungsbewusst zu nutzen und einen Umgang mit KI zu finden, der Menschen nutzt ohne sie entbehrlich zu machen.

Macht KI die Personalarbeit bald überflüssig?

Das Recruiting braucht angesichts der Digitalisierung zweierlei: Einerseits kluge Köpfe, welche sich effektiv mit neuen Technologien auseinandersetzen. Wache Geister, die sich und ihre Expertise einbringen, um technologische Neuerungen zu ihren Gunsten zu nutzen, statt sich der Zukunft aus Eitelkeit und Furcht rigoros zu verweigern.

Technologie kann den Menschen nicht vollständig ersetzen – auch nicht im Recruiting

Andererseits sind empathische Herzen gefragt, welche offen aufeinander zugehen, wertschätzend miteinander und Bewerbern umgehen und somit ein soziales Gegengewicht zur fortschreitenden Technologisierung der Gesellschaft bilden.

Technologie ist kein Widerspruch zur empathischen Personalarbeit, sondern – richtig eingesetzt – ein Schlüssel, um sich umso mehr auf genau diese zu konzentrieren.

  • sganster sagt:

    Dieser Artikel hat mir die Augen geöffnet!

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